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Axl Leskoschek und der Prenninger Kreis

So klein die Ortschaft Prenning im Übelbachtal auch ist, in der steirischen Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts spielt sie eine große Rolle. Grund dafür ist, dass Lilli und Anna Feuerlöscher, die attraktiven Töchter der damals hier ansäßigen Industriellenfamilie, wegen ihrer kulturellen und politischen Aufgeschlossenheit zum Anziehungspunkt für die steirische Avantgarde der Zwischenkriegszeit wurden. Das Landhaus der Feuerlöschers lag etwas abseits von der kleinen Pappe-Fabrik in einer wunderschönen Landschaft und hatte einen eigenen Tennisplatz, ein Bad und einen kleinen Springbrunnen. Im Park gab es viele Blumen und Tiere, darunter einen Affen, der immer für Aufregung sorgte. Zum Besitz gehörte auch ein altes Bauernhaus auf einem nahe gelegenen Berg, das Ziel von Wanderungen und Skitouren war. Durch die nahe Bahnstation waren die Feuerlöschers leicht erreichbar und wegen ihrer Gastlichkeit und ihrer sozialen Einstellung ein Treffpunkt der Grazer Intellektuellen. Ab Silvester 1932/33 war der Maler und Grafiker Axl Leskoschek sehr häufig in Prenning. Er war wahrscheinlich durch den Mann von Anna Feuerlöscher, Kurt Neumann, in Kontakt mit der Familie Feuerlöscher gekommen. Neumann war als politischer Redakteur der sozialdemokratischen Tageszeitung „Arbeiterwille“ Kollege und Freund Leskoscheks, der als Kulturredakteur wirkte. Annas Schwester Lilli Feuerlöscher war Zeit ihres Lebens eng mit Axl Leskoschek befreundet. Eingeladen von der Familie Feuerlöscher verbrachten auch der Architekt Herbert Eichholzer, damals der wichtigste Vertreter des internationalen Bauens in der Steiermark, mit seiner Partnerin, der Architektin Anna-Lülja Simidoff (Praun) und der Bildhauer Walter Ritter fröhliche Tage in Prenning. Unter den Gästen befand sich auch der Schauspieler und Regisseur Karl Drews. Auch der Politiker und Obmann der Angestelltengewerkschaft Isidor Preminger verewigte sich in dem erhalten gebliebenen Hausbuch, das einen Einblick in die freie, moderne, unkonventionelle und lebenslustige Art des Freundeskreises gibt. Die autoritäre Entwicklung ab 1933, die 1934 im Bürgerkrieg und in der Abschaffung der Demokratie kulminierten, traf den links orientierten Zirkel schwer. Kurt Neumann hatte auf eigene Faust im Februar 1934 einen Aufruf zum Widerstand als Sondernummer des „Arbeiterwillen“ veröffentlicht und wurde ebenso wie Herbert Eichholzer und Axl Leskoschek wegen Beteiligung an den Kämpfen inhaftiert. Trotzdem setzten sie ihren Widerstand nach der Enthaftung fort. Leskoschek wurde 1936 wegen illegaler politischer Betätigung neuerlich inhaftiert, vorher hatte er sich unter anderem mit Hilfe der Feuerlöschers in Prenning versteckt gehalten. 1935 sind Herbert Eichholzer, Herbert Feuerlöscher, der Bruder von Lilli und Anna und Walter Ritter Gründungsmitglieder des Kulturvereins „Grazer Stadtclub“, der ab 1936 als linker antinationalsozialistischer Flügel innerhalb der „Sezession Graz“ fungiert, der damals wichtigsten Künstlervereinigung der steirischen Moderne. Trotz der schwierigen politischen Verhältnisse entstehen wichtige Bauten Eichholzers und auch das Holzspielzeug „Klump“, das er mit Walter Ritter und Anna Neumann entwickelte und das heute wieder produziert wird. Die Einträge im Prenninger „Hausbuch“ zeigen, dass trotz der diktatorischen Verhältnisse und der düsteren Zukunftsaussichten die Runde nichts von ihrer kosmopolitischen Vitalität und widerständigen Ironie eingebüsst hatte. Erst die Machtergreifung der Nationalsozialisten bringt den Bruch. Kurz vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in die Steiermark flüchten Leskoschek, Eichholzer und Neumann nach Triest, da sie auf den schwarzen Listen stehen und unmittelbar von Verhaftung bedroht sind. Neumann und Eichholzer gehen nach Frankreich, Leskoschek in die Schweiz. Später emigriert Leskoschek nach Brasilien, Eichholzer in die Türkei, wo er mit dem ebenfalls geflüchteten Herbert Feuerlöscher zusammentrifft. Eichholzer tritt mit dem kommunistischen Widerstand in Verbindung und kehrt 1940 nach Österreich zurück, um Widerstandsgruppen zu koordinieren bzw. wieder aufzubauen. Er lebt nach seiner tollkühnen Rückkehr mit Anna Feuerlöscher, die ihm auch hilft, unter den Eisenbahnern der Übelbachbahn eine Widerstandsgruppe aufzubauen. Unter anderem entsteht damals das einzige in Österreich erhaltene Flugblatt gegen die Morde an Geisteskranken und Alten durch das „Euthanasieprogramm“ der Nationalsozialisten. Durch Verrat werden Eichholzer, Drews und Anna Feuerlöscher mit vielen anderen verhaftet. Drews wurde 1942, Eichholzer 1943 wegen „Hochverrates“ hingerichtet. Anna Feuerlöscher war bis 1945 im KZ, aus Rücksichtsnahme verschwiegen ihr ihre Angehörigen, trotz ihrer in erschütternden Briefen immer wieder geäußerten angstvollen Nachfragen nach Herbert Eichholzer, seine Hinrichtung. Nach dem Krieg treffen sich die Überlebenden in Prenning wieder. Leskoschek kommt 1948 aus dem brasilianischen Exil zurück und verbringt bis in die 1980er-Jahre immer wieder Sommerwochen bei seiner Freundin Lilli Feuerlöscher. Zu den bedeutenden Gästen der Nachkriegszeit zählen u.a. der berühmte Kunstschriftsteller John Berger und der Kulturtheoretiker und Politiker Ernst Fischer, der hier 1972 bei einem Spaziergang nach einem Herzanfall stirbt. Lange war dieser Ort ein Anziehungspunkt geblieben. Heute eröffnet sich die Chance, die Besonderheit dieses Ortes für ein Vorhaben zu nutzen, das in der Steiermark einmalig ist: Einen Ort des Erinnerns an die steirische künstlerische Avantgarde zu schaffen, die durch ihre kosmopolitische Einstellung und aufrechte Haltung einen wesentlichen Beitrag zum Widerstand gegen die Diktaturen, zur Entwicklung der Moderne und zur Öffnung des Landes ins Internationale geleistet hat.

AXL LESKOSCHEK

AUSSTELLUNG

im Landhaus Feuerlöscher, Prenning bei Deutschfeistritz
Eröffnung Samstag, 17. Mai 2008, 17.00 Uhr
Ausstellungsdauer: 18. Mai – 31. Oktober 2008

Axl Leskoschek

Axl Leskoschek war der Sohn eines Feldmarschallleutnants und promovierter Jurist. Die Schrecken des 1. Weltkriegs und der moralische Bankrott der Monarchie bewogen ihn zum Bruch mit Familientradition und geplanter Justizkarriere. Schon während des Krieges hatte er gezeichnet, ab 1919 studierte er Malerei und Grafik. 1923 ist er Gründungsmitglied der Sezession Graz und hat bald erste künstlerische Erfolge, vor allem mit Buchillustrationen, die seine existenzielle Basis werden sollten. Als Redakteur beim "Arbeiterwillen“, der Tageszeitung der steirischen Sozialdemokraten, und als Mitglied des Schutzbundes beteiligte er sich am Arbeiteraufstand im Februar 1934. Während seiner Haft 1936/37
im Anhaltelager Wöllersdorf malte er eine umfangreiche Folge allegorischer Blätter in expressiv-surrealem Stil, die zu den bedeutenden Manifestationen widerständiger Kunst in Österreich zählen.
1938 flüchtete Axl Leskoschek vor den Nationalsozialisten in die Schweiz. Weil er unter einem Pseudonym seinen publizistischen Kampf gegen den NS-Staat weiterführte, war er von der Abschiebung bedroht und ging 1940 ins Exil nach Brasilien. Hier wurde er mit sozialkritischen Pochoirs und Buchillustrationen bekannt und leistete als Professor einer Kunstschule einen bis heute unvergessenen Beitrag zur Entwicklung der modernen Grafik in Brasilien. 1948 kehrte er auf Einladung Viktor Matejkas nach Österreich zurück. Eine Professur an
der Wiener Akademie, die ihm in Aussicht gestellt worden war, erhielt er nicht. In der Zeit des Kalten Krieges trat er als Kunstkritiker der kommunistischen Tageszeitung in Wien für den Realismus ein, das brachte ihn in eine Gegenposition zu den Protagonisten des Aufbruchs der österreichischen Kunst nach dem Krieg. Lange wurde sein Werk offiziell kaum beachtet, erst mit seinem Odysseus- und dem Kain-Zyklus erlangte er durch internationale Ausstellungen in den 60er-Jahren eine gewisse Bekanntheit als Vertreter politisch engagierter Kunst. Trotz seiner Bedeutung als Illustrator und eines umfangreichen Werkes an Ölbildern und Aquarellen wurde er erst 1971 in der Neuen Galerie in Graz und 1974 in der Albertina ausgestellt.
Heute gilt er als einer der Hauptvertreter der steirischen Kunst der Zwischenkriegszeit.


ZUR AUSSTELLUNG

Im Landhaus Feuerlöscher in Prenning befindet sich dank der Sammlung von Herrn Gabriel Hirnthaler, der das Anwesen gekauft und sensibel restauriert hat, ein großer Bestand von Werken von Axl Leskoschek. In der Ausstellung dieser Werke – Handabzüge von Buchillustrationen, Mappenwerke und Aquarelle - , ergänzt durch private Leihgaben sowie den Gästebüchern und Fotografien aus Archiven der Neuen Galerie und des Stadtmuseum Graz soll auch ein Eindruck von der Bedeutung des Hauses für die steirische Kunst vermittelt werden. Das Landhaus diente als Treffpunkt von Künstlerinnen und Künstlern, die auch in schwierigsten Zeiten den aufrechten Gang bewahrten. Diese werden im Frühstückszimmer mit Portraits und Kurzbiografien vorgestellt.
In seinen Buchillustrationen bevorzugte Axl Leskoschek den Holzschnitt, den er durch Holzstichtechniken des 19. Jahrhunderts virtuos erweiterte. Für ca. 60 Bücher hat er zu Lebzeiten an die 1500 llustrationen geschaffen, posthum sind durch die Edition „Grafischer Zirkel“ von Erich Fitzbauer weitere 30 Bücher mit seinen oft nur Briefmarken großen Arbeiten erschienen. Sie sind durch eine sensible stilistische Annäherung an Autor und Zeit der Entstehung der Texte gekennzeichnet. Gleichzeitig gelingt es ihm, unverwechselbar zu bleiben und immer wieder seinen funkelnden Humor durchscheinen zu lassen. Als Beispiele werden 5 Bücher, die er zwischen 1921 und 1960 illustriert hat mit den dazugehörenden Handabzügen präsentiert. Eine Diaprojektion zeigt weitere ca. 60 Arbeiten, die durch die starke Vergrößerung überraschende Abstraktionen und virtuose Details sichtbar werden lassen.

In den beiden Mappenwerken „Odysseus“(1938-1959) und „Kain-Zyklus“ sind die ästhetischen und politischen Anliegen Axl Leskoscheks am Eindruckvollsten vereint: Vor der Folie der Texte aus der Odyssee entstand eine Folge von Darstellungen, in denen er seine eigene Flucht 1938 in die Schweiz, Emigration nach Brasilien und Rückkehr nach Österreich thematisiert und dabei in der Darstellung seine stilistischen Errungenschaften und Formfindungen seit den 1920iger Jahren aufblitzen lässt. Die ausgestellten Blätter waren Geschenke an Lilli Feuerlöscher, frühe, besonders sorgfältige Abzüge.

Auch der ausgestellte Kain-Zyklus (1961–1964) hat einen politischen Hintergrund: Er ist dem hingerichteten Freund Herbert Eichholzer gewidmet und thematisiert Faschismus und Krieg ebenso wie die atomare Bedrohung des Weltfriedens nachher. Neben den Linolschnitten werden die originalen Entwürfe und nicht veröffentlichte Varianten zu sehen sein. Die ausgestellten Aquarelle und Ölbilder haben einen besonderen Bezug zum Landhaus und seinen Bewohnern oder zu ihrer Umgebung. Sie befanden sich im Haus oder wurden unter diesen Gesichtpunkten ausgewählt. Ergänzt wird die Auswahl durch 2 frühe Federzeichnungen um 1919, die zeigen, dass Leskoschek zu den Avantgardisten zu zählen war.

Veranstalter: Verein „Prenninger Gespräche“
Kuratiert von Günter Eisenhut und Günther Holler-Schuster
Organisation, Texte: Günter Eisenhut
Ausstellungsdesignberatung: Erika Thümmel
Hängung: Karl Grünling und Edgar Sorgo
Grafik: Max Gansberger

Dank an die Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum in Graz und an das Stadtmuseum Graz für die Leihgaben.